Wie sicher ist die Gasversorgung in der Schweiz?

Aktualisierung VSG Update: 06.05.2022

Aktuell ist in der Schweiz genügend Gas vorhanden. Wegen des Ukrainekrieges und der damit verbundenen unsicheren Versorgungslage stellt sich für die Gaswirtschaft jedoch die Herausforderung, die Gasversorgung für den kommenden Winter sicher zu stellen. Sollte in der Schweiz eine Mangellage eintreten, trifft die wirtschaftliche Landesversorgung des Bundes die notwendigen Bewirtschaftungsmassnahmen.

Die Versorgungssicherheit in der Schweiz mit Gas ist im Moment gesichert, und für alle Gasverbraucher, auch die Industrie, ist genügend Gas vorhanden, wobei sich die Preise auf einem ausserordentlich hohen Niveau befinden. Es stehen jedoch nach wie vor die Szenarien im Raum, dass der Westen ein Gasembargo gegen Russland beschliesst oder dass Russland seine Gaslieferungen eingestellt. So hat Russland vor kurzem einen Gaslieferstopp für Polen und Bulgarien beschlossen und anderen Staaten ähnliche Massnahmen angedroht. Ein gänzlicher Ausfall der russischen Gaslieferungen wäre in Europa nicht vollständig kompensierbar, jedenfalls nicht kurzfristig und ohne Verbrauchs-reduktionen. Dies könnte auch in der Schweiz zu Versorgungsengpässen führen.

Die Gaswirtschaft unternimmt grosse Anstrengungen, um die Winterversorgung zu sichern. Zusätzlich hat der Bundesrat Anfang März beschlossen, für die Branche die Voraussetzungen zu schaffen, dass Gasunternehmen gemeinsam Gas, Gasspeicherkapazitäten, Flüssigerdgas (LNG) und LNG-Terminalkapazitäten beschaffen können, ohne kartellrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Falls in der Schweiz eine Mangellage eintreten würde, die von der Gasbranche nicht mehr mit marktwirtschaftlichen Lösungen behoben werden kann, trifft die wirtschaftliche Landesversorgung die notwendigen Bewirtschaftungs-massnahmen. Auf einer ersten Stufe kann der Bund beschliessen, dass Verbraucher mit sogenannten Zweistoff-Anlagen von Erdgas auf Heizöl umstellen. In einem separaten Schritt erfolgen Sparappelle an Gaskonsumenten. Schliesslich kann der Bund in einem Notfall auch anordnen, bestimmte Erdgas-Grossverbraucher mit Einstoff-Anlagen zu kontingentieren, so dass diese ihre Anlagen im Extremfall ganz abschalten müssen.

Gut ins europäische Netz eingebunden

Die Schweiz ist aufgrund ihrer Lage sehr gut ins europäische Gasfernleitungsnetz eingebunden, was unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit grundsätzlich eine gute Ausgangslage ist. Die Schweiz verfügt auf der Transitgasleitung seit 2017 über die Möglichkeit des sogenannten «Reverse-Flow». Das heisst, Gas kann nicht nur von Norden nach Süden, sondern auch in umgekehrter Richtung fliessen. Auch von Westen her ist die Schweiz gut ans europäische Gasnetz angebunden. Im Weiteren haben alle diese Märkte Zugang zu Flüssigerdgas (LNG). Dies eröffnet zusätzliche Möglichkeiten der Gasbeschaffung, auch wenn das teurer ist.

Die Schweiz beschafft das Gas primär auf den Märkten in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Italien und somit in Ländern der EU. Die Schweizer Gaswirtschaft hat keine direkten Lieferbeziehungen zu Russland. Der Anteil des russischen Gases ist auf den Märkten der Länder, in denen die Schweiz das Gas kauft, unterschiedlich hoch. In Deutschland in den vergangenen Jahren beispielsweise höher als in den Niederlanden oder Frankreich. Die europäischen Länder und die EU arbeiten mit Hochdruck daran, Abhängigkeiten von russischem Gas zu reduzieren und die Bezugsmöglichkeiten breiter abzustützen. Dabei spielt LNG eine wichtige Rolle, da auf diese Weise Gas aus den unterschiedlichsten Weltregionen beschafft werden kann. Die EU verfügt momentan über knapp 40 LNG-Terminals, in denen Flüssigerdgas ins europäische Netz eingespeist werden kann. Weitere sollen nun rasch gebaut und ans Netz angeschlossen werden.

Die Schweizer Gaswirtschaft ist bestrebt, bestehende Abhängigkeiten von russischem Gas zu reduzieren und die Bezugsmöglichkeiten breiter abzustützen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass gegenwärtig nicht umfassend deklariert wird, woher das Gas kommt. Anders als im Strombereich gibt es noch kein anerkanntes und umfassendes Herkunftsnachweissystem. Wenn ein Gasversorger in einer bestimmten Region Gas beziehen möchte, muss er mit dortigen Produzenten entsprechende Lieferverträge abschliessen. Dies ist wesentlich komplexer und teurer als auf den bestehenden Handelsmärkten Gas zu beschaffen. Hier werden in der Regel Standardprodukte angeboten, die Gas aus verschiedenen Regionen beinhalten können.

Bessere Rahmenbedingungen für erneuerbare Gase

Die gegenwärtige Krise dürfte das Tempo in die Förderung der erneuerbaren Gase, insbesondere grüner Wasserstoff, beschleunigen, in der Schweiz wie auch in anderen Ländern Europas. Das Thema erneuerbare Gase wird eine neue Dynamik erhalten, nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes, sondern auch der Versorgungssicherheit. Um die Produktion und Nutzung erneuerbarer Gase in der Schweiz ausbauen zu können, braucht es jedoch bessere Rahmenbedingungen. Dabei geht es primär darum, erneuerbare Gase durch Investitionsbeiträge oder Einspeise-beiträge zu fördern. Noch immer wird lediglich die Stromproduktion aus Biogas unterstützt, die der Gasversorgung keinen Nutzen bringt. Auch in den kantonalen Energiegesetzen müssen die Rahmenbedingungen so ausgestaltet sein, dass Biogas als erneuerbare Energie anerkannt wird. Im Weiteren wird importiertes Biogas vom Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit nach wie vor als Erdgas behandelt. Es braucht rasch ein nationales Register für Herkunfts-nachweise für erneuerbare Gase, das mit anderen Ländern vernetzt werden kann, sowie klare Regeln für den Import.

Gasversorgungssicherheit in der Schweiz

Aktualisierung VSG Update: 22.03.2022

Im Zusammenhang mit der russischen Invasion in die Ukraine stellt sich die Frage, wie die Gasversorgungssicherheit in der Schweiz sichergestellt werden kann, insbesondere im nächsten Winter. Der VSG steht in Kontakt mit den zuständigen Bundesbehörden und tauscht sich mit allen wichtigen Akteuren aus. Die folgende, aktualisierte Stellungnahme können die VSG-Mitglieder in ihrer Kommunikation nutzen; die französische Übersetzung folgt.

Der Bundesrat hat vor kurzem die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen, dass die Schweizer Gaswirtschaft die Beschaffung für den kommenden Winter gemeinsam angehen kann. Ziel der Branche ist, die Versorgung kurzfristig sicherzustellen. Die Versorgungssicherheit mit Gas erscheint für die gegenwärtige Heizperiode, die dem Ende entgegen geht, weitgehend gesichert. Auch dürfte für die Industrie genügend Gas vorhanden sein, auch wenn sich die Preise auf einem ausserordentlichen Niveau befinden. Wie der Bundesrat in seiner Antwort auf eine Dringliche Interpellation festhält, lässt sich derzeit keine unmittelbar bevorstehende Energiekrise erkennen. Aus heutiger Sicht sei die Versorgungssicherheit von Strom und Gas für den laufenden Winter trotz des hohen Preisniveaus gegeben. Die Situation müsse aber laufend evaluiert werden, insbesondere aufgrund der weiteren Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Angesichts des Krieges will der Bund unter der Leitung von Energieministerin Simonetta Sommaruga und Wirtschaftsminister Guy Parmelin alle Arbeiten zur Versorgungssicherheit im Energiebereich noch enger begleiten und den Austausch aller Akteure der Energiebranche, der Bundesverwaltung und der Kantone intensivieren.

Für die Schweizer Gaswirtschaft besteht die unmittelbare Herausforderung, die Versorgung für den Winter 2022/23 sicherzustellen. Die Vorbereitungen dazu laufen; im Moment baut die Branche eine Projektorganisation auf, die sich dem Thema Beschaffung annimmt. Mitte März fand ein erstes Treffen zwischen den Bundesbehörden und der Gaswirtschaft statt, um die Umsetzungsmodalitäten und Rollen festzulegen. Der VSG übernimmt für die Branche die Koordinationsrolle. Die Gaswirtschaft will bestehende Abhängigkeiten von russischem Gas reduzieren und mittelfristig unabhängig davon werden. Dabei müssen die Bezugsmöglichkeiten breiter abgestützt werden. Flüssigerdgas (LNG) kann kurz- bis mittelfristig einen wichtigen Beitrag leisten, Gas aus allen Weltregionen zu beschaffen, auch wenn das teurer ist. Längerfristig werden auch erneuerbare Gas eine zentrale Rolle für die Gasversorgung spielen.

EU trifft Massnahmen, um Russland-Abhängigkeit zu reduzieren

Die EU-Kommission hat einen Plan vorgestellt, wie Europa vor 2030 generell unabhängig werden kann von russischer Energie. Um die Nachfrage nach russischem Erdgas bis Ende Jahr um zwei Drittel zu senken, sieht Brüssel vor, dass der Import aus anderen Quellen erhöht werden soll. Dabei geht es einerseits um LNG aus diversen Weltregionen sowie um durch Pipelines geliefertes Erdgas von Ländern wie Norwegen, Aserbaidschan oder Nordafrika. Andererseits geht man davon aus, einen Teil durch den Einsatz von Biogas und mit Wasserstoff zu ersetzen. Die Kommission schlägt weiter vor, dass die Mitgliedstaaten künftig ihre Speicher jährlich bis Ende September auf mindestens 90 Prozent der Kapazitäten auffüllen.

Auch die internationale Energieagentur IEA hat der EU einen 10-Punkte-Plan vorgelegt, um die Abhängigkeit von russischen Lieferungen zu reduzieren. Zu den wichtigsten Massnahmen, die im 10-Punkte-Plan der IEA empfohlen werden, gehören der Verzicht auf die Unterzeichnung neuer Gasverträge mit Russland, die Maximierung der Gaslieferungen aus anderen Quellen, die beschleunigte Nutzung von Sonnen- und Windenergie, die optimale Nutzung vorhandener emissionsarmer Energiequellen wie der Kernenergie und erneuerbarer Energien sowie die Intensivierung von Energieeffizienzmassnahmen in Haushalten und Unternehmen.

Am 15. März hat die EU ein viertes Paket mit Russland-Sanktionen in Kraft gesetzt. Es beinhaltet neben anderen Massnahmen ein umfassendes Verbot neuer Investitionen in den russischen Energiesektor. Der Import von Gas-, Öl- und Kohle aus Russland bleibt jedoch weiter möglich, weil Länder wie Deutschland die Energieversorgung der EU ohne die Lieferungen für nicht gesichert halten.

Massnahmen für den Fall einer Mangellage

Das schweizerische System der wirtschaftlichen Landesversorgung (WL) beruht auf einer Kooperation zwischen Wirtschaft und Staat. Erst wenn die Wirtschaft die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern nicht mehr selbst wahrnehmen kann, greift der Bund lenkend ein. Die wirtschaftliche Landesversorgung ist auf Bundesebene in sechs Fachbereichen, bestehend aus Milizkadern, organisiert. So gibt es einen Fachbereich Energie, der seinerseits unter anderem aus der Abteilung Erdgas besteht. Für den Fall einer Mangellage sind Bewirtschaftungsmassnahmen vorgesehen. Diese beinhalten die Umschaltung von Verbrauchern mit Zweistoff-Anlagen, Sparappelle und die Kontingentierung von Erdgas-Grossverbrauchern mit Einstoff-Anlagen.

Solche Massnahmen werden von der wirtschaftlichen Landesversorgung in Konzepten vorbereitet, anschliessend von der Wirtschaft in Durchführungsdokumenten konkretisiert und im Bedarfsfall vom Bundesrat angeordnet. Da die Versorgungssicherheit mit Gas in der Schweiz für die gegenwärtige Heizperiode gesichert erscheint, ist die Konkretisierung und Aktualisierung von Bewirtschaftungsmassnahmen bis zum Ende des Sommers 2022 vorzunehmen. Der VSG wird in den nächsten Monaten, nach der Erarbeitung der Themen, eine Information respektive Schulung durchführen.

Gaswirtschaft startet Vorbereitungen, um Gasversorgung im nächsten Winter sicherzustellen

Aktualisierung VSG Update: 04.03.2022

Der Bundesrat hat entschieden, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, dass die Schweizer Gaswirtschaft die Beschaffung für den kommenden Winter gemeinsam angehen kann. Ziel der Branche ist, die Versorgung kurzfristig sicherzustellen.

Der Angriff von Russland auf die Ukraine ist für Europa und die Welt eine grundsätzliche Zäsur. Der Krieg macht betroffen, und die Menschen weltweit sind in Gedanken mit der Ukraine und deren Bevölkerung, die grossem Leid ausgesetzt ist. Die Situation erfordert umfassende Massnahmen, um die Versorgung mit Gas im kommenden Winter gewährleisten zu können und die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Aufgrund des Kartellgesetzes und dem fehlenden Gasversorgungsgesetz waren der Gasversorgung bislang die Hände gebunden, weil Absprachen von Unternehmen als wettbewerbswidrig geahndet werden. Die Gaswirtschaft begrüsst es, dass der Bundesrat mit seinem heutigen Entscheid die Voraussetzungen schafft, damit sie jetzt gemeinschaftlich aktiv werden kann. Mit 15 Prozent am Endenergieverbrauch ist Erdgas in der Schweiz ein wichtiger Energieträger. Die Schweizer Gaswirtschaft unterstützt das Netto-Null-Ziel 2050 des Bundesrates und arbeitet heute schon darauf hin. So soll Erdgas sukzessive durch erneuerbare und klimaneutrale Gase ersetzt werden, die neben Biogas auch synthetisches Methan und Wasserstoff umfassen. Der Umbau des heutigen Energiesystems gelingt nur, wenn er auf einem breiten Mix von Energieträgern und Infrastrukturen basiert. Die Diversifizierung und Dekarbonisierung der Gasversorgung braucht jedoch seine Zeit. Im Zuge der zunehmenden Elektrifizierung zeichnen sich schon heute vermehrt Stromengpässe im Winter ab. Die Gasversorgung kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, die Situation zu entschärfen.

Arbeiten für den kommenden Winter müssen jetzt gestartet werden Die Versorgungssicherheit mit Gas erscheint für die gegenwärtige Heizperiode, die dem Ende entgegen geht, weitgehend gesichert. Auch dürfte für die Industrie genügend Gas vorhanden sein, auch wenn sich die Preise auf einem ausserordentlichen Niveau befinden. Zudem dürften aktuell bei Versorgungsengpässen hoheitliche Massnahmen im Rahmen der wirtschaftlichen Landesversorgung umgesetzt werden können. Die grosse unmittelbare Herausforderung ist es, die Versorgung für den Winter 2022/23 sicherzustellen. Die Vorbereitungen müssen jetzt gestartet werden. Vor denselben Herausforderungen stehen auch andere Staaten Europas, der Gasbedarf ist dort sehr viel grösser. Die Gaswirtschaft will bestehende Abhängigkeiten von russischem Gas reduzieren und mittelfristig unabhängig davon werden. Dabei müssen die Bezugsmöglichkeiten breiter abgestützt werden. Flüssigerdgas (LNG) kann einen wichtigen Beitrag leisten, Gas aus allen Weltregionen zu beschaffen, auch wenn das teurer ist. Eine zentrale Rolle für die künftige Gasversorgung spielen auch die erneuerbaren Gase. Um deren Produktion und Nutzung ausbauen zu können, braucht es jedoch bessere Rahmenbedingungen. Dabei geht es primär darum, die Produktion und Einspeisung erneuerbarer Gase in der Schweiz durch Investitionsbeiträge oder Einspeisebeiträge zu fördern. Noch immer wird lediglich die Stromproduktion aus Biogas unterstützt, die der Gasversorgung keinen Nutzen bringt. Auch in den kantonalen Energiegesetzen müssen die Rahmenbedingungen so ausgestaltet sein, dass Biogas in allen Kantonen als erneuerbare Energie anerkannt wird. Im Weiteren wird importiertes Biogas vom Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit nach wie vor als Erdgas behandelt. Es braucht rasch ein nationales Register für Herkunftsnachweise für erneuerbare Gase, das mit anderen Ländern vernetzt werden kann, sowie klare Regeln für den Import. Diese Aufgaben müssen jetzt mit Hochdruck angegangen und gelöst werden.